Mit dem Wissen wächst der Zweifel

Seit mehr als drei Wochen besetzen Studierende fünf Räume im neu gebauten Seminargebäude in der Universitätsstraße. Vor den Fenstern hängen Transparente, auf einem von ihnen steht der Spruch des ehemaligen Leipziger Studenten Johann Wolfgang von Goethe: „Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ Woran zweifeln die Protestierenden heute? Wohin soll die Besetzung führen? Julia Reinard hat sich umgesehen und umgehört.

Protest reloaded

Die Besetzung des Neuen Seminargebäudes erinnert den Sprecher des StudenInnenRates (StuRa), Thomas Dudzak, an die Studentenproteste des Jahres 2003/2004. Damals hatte der StuRa die studentische Vollversammlung einberufen, um über Schritte gegen die Einführung von Studiengebühren zu entscheiden. 5000 Studierende waren dem Aufruf gefolgt. Auf der Versammlung forderten einige von ihnen einen Streik, und die Mehrheit stimmte zu. Ein Streik-Komitee gründete sich, das Rektorat wurde besetzt.  Als die Studierendenschaft schließlich abzustimmen hatte, in den Vollstreik zu treten, lehnte sie ab. Der Streik wurde ausgesetzt.

Der StuRa als Vermittler

Damals war  Dudzak lediglich interessierter Student, heute sitzt er im StuRa. Zur aktuellen Besetzung der Räume 101 bis 105 im Neuen Seminargebäude sagt er: „Ich bin froh, dass es Studierende gibt, denen Hochschulpolitik nicht egal ist, die nicht bereit sind, alles hinzunehmen.“ Denn der StuRa kann seinen Protest nur mit legalen Mitteln ausdrücken. So kann er lediglich seine „volle Solidarität“ erklären und sich als Vermittler anbieten, wenn es zu Gesprächen zwischen den Besetzern und dem Rektorat kommt. Dudzak versteht, dass die Protestierenden sich in einem ersten Schritt einen freien Raum geschaffen haben, um dort Probleme zu erörtern, die sie in einem zweiten Schritt erst als konkrete Forderungen in die Öffentlichkeit bringen wollen. So interpretiert zumindest er das Vorgehen der Protestierenden.

Kaum Interesse

Von den Besetzern spricht jedoch kaum einer davon, etwas zu fordern. Auch André Reuther nicht, der am Infotisch vor den besetzten Räumen auf fragende Studenten wartet. Viele bleiben nicht bei ihm stehen. Auf die Frage nach dem Zuspruch antwortet der unauffällige junge Mann im karierten Hemd ausweichend und äußerst pauschal: „Das ist ja immer subjektiv“, fügt aber an: „Natürlich ist es vermessen, zu behaupten, es war genau die richtige Zeit und jetzt finge eine Massenbewegung an.“ Eine Massenbewegung ist es wirklich nicht. 250 Studierende sind in die Mailingliste eingetragen, doch nur ein Bruchteil davon kommt zu den Veranstaltungen. Es ist ein harter Kern, der Seminare, Arbeitskreise und die Schlafliste organisiert, damit die Räume stets belegt sind. Weil ohne Besetzer keine Besetzung.

Protest als Prozess

Sie diskutieren die Probleme des Bildungssystems, der Leipziger Uni und der Gesellschaft, sie kritisieren die vorgegebenen Stundenpläne und Anwesenheitslisten, das hohe Arbeitspensum, die Wahlbereichsregelung und die prekären Arbeitsverhältnisse der Dozenten. Sie treffen sich in Arbeitskreisen oder dem Plenum, sammeln Informationen, die ihre Kritik stützen, und tauschen sich über aktuelle Entwicklungen aus. André Reuther sagt: „Das ist ein Prozess, dessen Ergebnisse wir an die Gesellschaft und die Universitätsleitung herantragen.“ Wann das geschehen soll und durch wen, bleibt offen. Denn  Reuther spricht nicht im Namen der Besetzer und die Besetzer nicht für die Studierenden. Sie betrachten sich als diejenigen, die Raum geschaffen haben, um Probleme zu diskutieren. So bleibt es auch drei Wochen nach Beginn ein Protest ohne konkrete Forderungen, ein Widerstand in der Schwebe.

Die Univerwaltung

Rektor Franz Häuser äußerte Verständnis für die Besetzung, lässt Raum 101 bis 105 seit Wochen unangetastet. Eva-Maria Stange, die Wissenschaftsministerin des Landes, schweigt zur Besetzung, sagte aber dieser Tage, eine Verlängerung der Laufzeiten des Bachelor wäre denkbar, jede Universität müsse intern darüber entscheiden. Tatsächlich lässt der Bologna-Prozess, der die Studiengänge auf europäischer Ebene vergleichbar machen soll, den Universitäten viel Spielraum. Über die Prüfungskommissionen werden die Bachelor-Studiengänge in den jeweiligen Instituten konzipiert, dort werden die Veranstaltungen und notwendigen Prüfungsleistungen festgelegt. Die Prüfungskommissionen sind zu einem Teil mit Studenten besetzt. Sie haben durch diese Einrichtung direkte Einflussmöglichkeiten. Im StuRa hat man das erkannt und gibt denen, die in die Kommissionen gewählt wurden, Crashkurse für die anstehenden Verhandlungen.
Die Besetzung hält Thomas Dudzak für wichtig, auch als Grundlage für spätere Gremienarbeit. Dass sie sich aber noch lange halten wird, bezweifelt er. Er glaubt, wenn die anderen Studenten nicht mit Forderungen ins Boot geholt würden, wäre der Protest am 30. Tag vorüber. Denn ohne die breite Masse, weiß er aus eigener Erfahrung, „läuft sich der Protest tot.“

Julia Reinard ist Mitglied der Lehrredaktion "Campus Online", einem Gemeinschaftsprojekt von LVZ-Online und dem Studiengang Journalistik der Universität Leipzig.

Foto: Tobias Lange

Zum Blog der Unibesetzer: http://protesttage.blogspot.com

© LVZ-Online, 07.05.2009, 23:21 Uhr
 

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