Psychische Belastung bei Studenten: Von dunklen Gedanken begraben
„Dein Kopf fühlt sich an, als wäre er in schwarze Watte eingepackt“, beschreibt Steffen Rudolf* seine Depressionen. „Alles dringt nur noch merkwürdig gefiltert an dich heran. Alles ist einfach nur noch Mist. Ich wusste weder ein noch aus.“ Mit solchen Erlebnissen ist der Leipziger Student keineswegs allein. Überraschend viele Studierende leiden unter seelischen Erkrankungen. Und nur die wenigsten haben den Mut, sich helfen zu lassen.
Offenbar wirkt das Studium mit seinen vielfältigen Belastungen auf viele junge Leute als ein Trigger (Auslöser), indem es Ängste und Nöte zum Vorschein bringt. Die jungen Studenten ziehen oft in eine fremde Stadt, fernab von Freunden und Familie. Es ist die Zeit, in der man den ersten eigenen Haushalt führt; die Zeit der ersten Beziehungen. „Die zweite Pubertät“ nennt Pfarrer Frank Martin von der evangelischen Studentengemeinde in Leipzig diese Phase. Dabei ist das Leiden für die Betroffenen auch körperlich spürbar. Die jungen Menschen müssen sich plötzlich an einer Hochschule zurechtfinden, haben zu Beginn noch keinen Halt und keine Strukturen. Hinzu kommen die Belastungen des Studiums: Referate, Klausuren, Prüfungen. Kurz: Der Ernst des Lebens beginnt und fordert seine Opfer.
„Wenn Prüfungen bevorstanden, konnte ich nicht schlafen, obwohl ich immer müde war. Mir war schlecht und mein Bauch tat weh.“ Sarah Brandt* leidet unter Prüfungsangst. „Egal wie viel ich gelernt habe, sobald ein Test anstand, war alles weg!“ Hinzu kam die Angst, dass sie die Klausuren nicht wiederholen dürfe, sollte herauskommen, dass sie wegen psychischer Probleme die Prüfung versäumt hat. Deswegen schwieg Sarah, litt still und zog sich immer mehr in sich zurück.
Viele sind betroffen, nur wenige reden darüber
Wie Steffen und Sarah, so suchten laut Deutschem Studentenwerk im Jahr 2008 fast 80.000 Studierende in Deutschland psychologische Hilfe, zwanzig Prozent mehr als im Vorjahr. Dass für den Anstieg die höhere Arbeitsbelastung in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen verantwortlich ist, kann im Moment noch nicht belegt werden. Jedoch: verglichen mit ihren Altersgenossen sei die Zahl der Studenten mit seelischen Erkrankungen überdurchschnittlich hoch, so Dr. Manuela Richter-Werling. Sie betreut in der Leipziger Selbsthilfeeinrichtung „Hopes“ Studenten mit psychischen Problemen. „Jede Woche melden sich ein bis zwei junge Menschen bei uns, die Hilfe suchen.“ Steffen zum Beispiel kapselte sich immer mehr von seinen Freunden ab, verließ kaum noch die Wohnung. „Irgendwann wollte ich nicht mehr.“ Er suchte im Internet nach Hilfe und stellte fest: Er ist nicht der einzige mit diesen Problemen. „Seelische Leiden sind Krankheiten“, erklärt Richter-Werling, „sie sind behandelbar, und man kann sie heilen.“
Pfarrer Martin meint, vielen helfe es schon, wenn sie nur jemanden hätten, der ihnen zuhört. „Ich kann ihnen meinen Ratschlag, meine Sicht auf die Dinge bieten.“ Wichtig sei es, der Isolation ein Ende zu setzen. „Bei uns in der Gemeinde haben die Studenten einen festen Anlaufpunkt. Das hilft vielen. Uns ist jeder willkommen. Wir zwingen auch niemandem etwas auf.“ Wenn Frank Martin aber merkt, dass er nicht weiterhelfen kann, verweist er die Betroffenen entweder an einen Facharzt, an die Beratungsstellen des Studentenwerkes oder der Studentenräte. „Manchmal würde ich mir eine stärkere Vernetzung unter den Beratungseinrichtungen wünschen.“
Männer haben Angst, Schwäche zu zeigen
Auch Sarah suchte gezielt nach Hilfe gegen ihre Prüfungsangst. Frauen seien offener für Hilfsangebote und würden eher Unterstützung in Anspruch nehmen als Männer, so Richter-Werling. „Erkrankungen der Psyche werden von Männern immer noch als Schwäche wahrgenommen. Sie machen ihre Probleme lieber mit sich selber aus.“ Es müsse schon sehr ernst sein, bevor Männer überhaupt Beratung in Anspruch nähmen. Bei Hopes kommen Betroffene mit ähnlichen Schicksalen zusammen und können sich austauschen. „Wichtig ist, dass die Leute merken, dass auch andere Menschen unter diesen seelischen Handicaps leiden.“
In der Gruppe können sich die Studenten öffnen und Erfahrungen austauschen: Wie begegne ich der nächsten Krise? Wie gehe ich im Alltag damit um? Auch Steffen besucht heute eine Initiative zur Selbsthilfe, nachdem er sich von einem Facharzt behandeln ließ. „In der Gemeinschaft finde ich Zuversicht und Stärke“, sagt er. Auch Sarah machte in ihrer Gruppe eine wichtige Erfahrung: „Ich sehe, dass ich nicht verrückt bin.“
Probleme mit der Seele, das seien Alltagsphänomene. Im Laufe des Lebens würden bis zu einem Drittel der Menschen psychisch erkranken, wie Richter-Werling erklärt. Die Tabuisierung psychischer Leiden müsse ein Ende haben. Auch die Hochschulen sollten dazu ihren Teil beitragen, was noch viel zu selten geschehe. Sind erst die Vorbehalte ausgeräumt, könne man leidenden Studenten viel besser helfen.
*Namen von der Redaktion geändert
Die Campus-Redaktion hat eine Übersicht der Hilfsangebote bei seelischen Belastungen und Erkrankungen – insbesondere für Studierende – hier zusammengetragen .
Der Autor Johannes Angermann ist Mitglied der Lehrredaktion „Campus Online“, einem Gemeinschaftsprojekt von LVZ-Online und dem Studiengang Journalistik der Universität Leipzig.
