“Der Benutzerservice in Bibliotheken ist mittelalterlich“

Deutsche Bibliotheken versteht er nicht. Dabei hat Dale Askey je einen Masterabschluss in Germanistik und in Bibliothekswissenschaft. Derzeit ist der Bibliothekar der amerikanischen Kansas State University als Vertretungsprofessor für Electronic Publishing und Multimedia an der HTWK Leipzig tätig. „Die moderne Bibliothek existiert heutzutage online. Das Haus mit den Büchern ist zweitrangig“, sagt er im Interview mit Campus Online und kritisiert die mitunter fehlende Benutzerfreundlichkeit deutscher Bibliotheken.

Frage: Herr Askey, Sie unterrichten hier die Studenten in „Electronic Publishing“. Wo kommt da die eigentliche Bibliothek der HTWK ins Spiel?

Dale Askey: Mit der habe ich wenig zu tun. Und von dem, was ich gehört habe, gibt es auch so gut wie keine Beziehungen zwischen meiner Fakultät Medien und der Bibliothek. Selbst bei der Planung des neuen Bibliotheksgebäudes wurde die Fakultät wohl gar nicht gefragt.

Was hätte das geändet?

Das neue Gebäude ist sehr schön, aber das Geld wäre besser in moderne Technik gesteckt worden. Sie haben zum Beispiel keinen so genannten Linkresolver. Das ist ein Service, den eigentlich alle Bibliotheken in den USA anbieten und etwa die Hälfte in Deutschland.  Konkret geht es darum: Wenn ich in einer Datenbank nur ein Zitat finde, aber keinen Volltext, durchsucht diese Maschine für mich automatisch den gesamten Bibliotheksbestand danach. Und wenn sie da nichts findet, ist der zweite Schritt eine Fernleihe-Bestellung. Dabei werden die Metadaten automatisch in ein Formular übertragen und ich muss nur noch auf „Abschicken“ klicken. Wenn ich hier einen Artikel per Fernleihe bestellen will, muss ich das Online-Formular selbst am Bildschirm ausfüllen, und es wird am anderen Ende manuell verarbeitet. Und die Bibliothek hat eine hässliche und nicht besonders benutzerfreundliche Website.

Sie kritisieren ja grundsätzlich die mangelhafte Benutzerorientierung deutscher Bibliotheken ...

Was man hier als Nutzer einer Universitätsbibliothek durchmachen muss, um an Artikel zu kommen, ist mittelalterlich im Vergleich zu den USA. Alleine schon, dass es teils immer noch Zettelkästen gibt - wobei das zum Teil sicher eine Frage des Geldes ist. Universitäten in den USA haben durch die Studiengebühren grundsätzlich mehr Geld zur Verfügung. Aber zum Teil ist es auch eine Frage der Kultur. Ich sitze hier zweihundert Meter von der Hauptbibliothek. Will ich aber ein Buch von der Zweigstelle Polygrafische Technik ausleihen, muß ich mich dahin begeben, um das Buch dort, am Gutenbergplatz, abzuholen.  Ich verdiene ein nettes Gehalt, meine Arbeitskraft ist relativ teuer für die HTWK. Eine studentische Aushilfskraft in der Bibliothek verdient wesentlich weniger. Es wäre doch billiger, ein Kurier-System zu entwickeln mit der Arbeit von Hilfskräften.

Die Bibliothek geht vielleicht von mehr studentischen Nutzern aus.

Aber auch deren Zeit sollte sie sparen. Das ist eins der „fünf Gesetze der Bibliothekswissenschaft“, die der Bibliothekswissenschaftler Shiyali Ramamrita Ranganathan schon 1932 aufgestellt hat. Und die gelten jetzt, Jahrzehnte später, noch umso mehr.

Weil die möglichen Nutzer sonst von vornherein nur noch im Internet recherchieren?

Den Eindruck habe ich. Die meisten Studenten, die ich kennengelernt habe, arbeiten gar nicht mit der Bibliothek der HTWK. Und dann ist die Bibliothek – provokant gesagt – eine Geldverschwendung. Wenn sie nicht der Anbieter ist, an den der Student zuerst denkt, weil er für eine Hausarbeit recherchieren muss. Wenn ich da drei Quellen aus Fachzeitschriften fordere, fragen sie mich: „Ja, aber wie finden wir die?“ Der Unterschied zwischen Presse-Veröffentlichungen und Wissenschaft ist für viele Studenten heute verschwommen. Denn im Internet sehen beide sehr ähnlich aus.

Nur, dass die wissenschaftlichen Artikel nicht frei zugänglich sind.

Sie sind es im Computernetz der jeweiligen Hochschule.

Und außerhalb des Campus?

Die meisten deutschen Bibliotheken benutzen für den externen Zugriff auf ihre Datenbanken einen VPN-Zugang (Anm.: VPN steht für Virtuelles Privates Netz). Und VPN ist extrem benutzerfeindlich. Nur die ganz wenigsten normalen Computerbenutzer kommen damit klar. In den USA wird der Zugang in der Regel durch eine Software namens „EZproxy“ verwaltet. Das ist eine ganz einfache Geschichte und kostet wirklich wenig, es ist nur eine Frage der Durchsetzung. Hier wissen die Studenten zum Großteil gar nicht, dass sie auch von zuhause auf das Netz der Universität zugreifen könnten. Die moderne Bibliothek existiert heutzutage online. Das Haus mit den Büchern ist zweitrangig.

Die Autorin Eva Eismann ist Mitglied der Lehrredaktion "Campus Online", einem Gemeinschaftsprojekt von LVZ-Online und dem Studiengang Journalistik der Universität Leipzig.

Foto: Eva Eismann

© LVZ-Online, 11.08.2009, 10:11 Uhr
 

Archiv

 

 

Magazin Campus L.E.

Jede Menge Infos rund um eure Universitätsstadt Leipzig und ihre Studenten.

 

Hier blättern!

 

Die Campus Online Chefs vom Dienst

Die Chefs vom Dienst der Campus Online-Redaktion in diesem Monat sind
Tobias Ossyra
Christian Dittmar
Jan Iven

 

Das Projekt Campus Online

"Campus Online" ist ein Gemeinschaftsprojekt von LVZ-Online und dem Studiengang Journalistik am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Weitere Informationen zum Projekt hier!

 

"Campus" in der Leipziger Volkszeitung

Campus gibt es auch in der Printversion, alle zwei Wochen als Seite in der Leipziger Volkszeitung. Einige ausgewählte Texte stehen hier!

 

Leipzig:Live

Heute Abend noch nichts vor, aber Lust auf Party, Kino oder Theater? Alles, was in der Stadt geht, steht auf Leipzig-Live.com, dem Veranstaltungsmagazin der Leipziger Volkszeitung!